7:00 Uhr beginnt der Tag im Holiday Inn Express in einer Welt mit Klimaanlage, kühlen Laken, einer kühlen Dusche und CNN. Ich glaube, ich mag diese Design´-Hotels in denen die Farben bis ins letzteabgestimmt sind. Diese speziellen Farbkombinationen, die man überall im Gebäude wiederfindet, machen diese Hotels zu einer eigenen kleinen Welt oder Zuflucht, je nach Bedürfnis.
Mit gepacktem Koffer sitze ich an meinem Frühstückstisch mit gutem Kaffee und frischen Croissant. Die Sonne brennt um diese Zeit schon recht unbarmherzig wie man durch die etwas trüben Fenster sehen kann. Das ausgezeichnete Frühstück, die wirklich netten Menschen an der Rezeption und das tolle Zimmer haben mich mit dem Hotel eindeutig versöhnt. Ich bestelle ein Taxi. Zum Bahnhof Barcelona Sants dauert es 20 min. Nun ja – das ist nun wirklich nicht meine Meisterleistung der Hotelbuchung gewesen. Als ich aus der Welt des Hotels trete, haut mich die Hitze schon um. Okay, CNN hat recht: Das ist eine Hitzewelle!
Auch am Morgen ist Barcelona wieder wunderschön. Ich will wiederkommen.
Sants teilt die Menschen in die, die mit den Schnellzügen fahren und die, die mit normalen Zügen fahren. Zu den ersten zähle ich und daher muss ich in einen mit Bändern abgetrennten Bereich mit zu wenig Stühlen und Belüftung, in den ich nur mit sicherheitsgecheckten Gepäck komme. Ach, da ist auch das amerikanische Paar aus meinem Hotel. Wie schön Bekannte zu treffen! Nach Reisezielen sortiert werden wir in Reihen aufgestellt und mit Rolltreppen zu unserem Zug gebracht. Meine erste Station bis Figueres sitze ich wieder in einem erstklassigen Zug mit Klimaanlage und Steckdose! Bei so viel Komfort vergeht die Fahrt wie im Flug. Mich gruselt es schon vor dem Horror-TGV der Hinfahrt und male mir aus wie es wohl mit schlechter Klimaanlage durch das brutheiße Südfrankreich sein wird! Aber es kommt ja wirklich immer anders als man denkt: Ich bekomme einen fabelhaften TGV mit allem Schnickschnack (Genau! Steckdosen, Klimaanlage und saubere Klos!) und verbringe abermals ereignislose und entspannende Stunden mit Aus-dem-Fenster-starren, bisschen was schreiben und meinen Gedanken nachhängen. Da sitze ich stundenlang herum und dann verpasse ich doch fast Paris. Die Ansage reißt mich aus den Träumen und ich packe hektisch meine 7 Sachen zusammen.
Paris Gare de Lyon –
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| Kollateralschaden |
eine Bullenhitze liegt über der Stadt! Es ist, als wenn man gegen eine Wand läuft. Vom Bahnsteig bis zum Eingang der Metro bin ich schon klatschnass geschwitzt. Das kann ja heiter werden. Jetzt erst mal den schon auf der Hinfahrt ergatterten Metroplan raus und die Lesebrille auf den Kopf. Ich darf wirklich nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn ich die hier verlieren würde.
Aber alles ist einfacher, wenn man etwas schon einmal gemacht hat. Rein in die Metro Richtung Charlet. Hier gibt es noch Rolltreppen und den wunderschönen Fahrstuhl und daher halten sich die Schweißausbrüche in gesellschaftlich akzeptablen Grenzen.
Charlet ist ein großer Umsteigebahnhof mitten in der Innenstadt und heute heiß und total überfüllt! Was ist denn heute hier nur los? Es sind Massen von Menschen unterwegs. Franzosen und Touristen drängen in den schmalen Gängen. Ich weiß nicht so genau welchen Ausgang ich nehmen muss, um zur Notre Dame zu kommen, nehme irgendeinen und stehe auf einer Einkaufsstraße mitten in Paris und es ist Schlussverkauf!!!!! Da stehe ich in Paris vor „Promod“ mit Kreditkarten im Schlussverkauf und muss in 2 Stunden in meinem ICE nach Hause sitzen! Ich stehe ca. 2 min auf dem Bürgersteig und überlege, ob ich den Notre Dame-Besuch streichen soll und mich in den nächsten Laden stürzen werde.
In dieser kurzen Zeit in der Hitze des Nachmittags bin ich schon wieder völlig verschwitzt und das gibt den Ausschlag: Kirchen sind kühl! Ich trotte los und frage mich , warum ich eigentlich nicht öfter mit einer Kreditkarte im Schlussverkauf in Paris bin. Auf der einen Seite ist es so leicht zu verreisen. Es fällt eigentlich nur schwer den ersten Schritt aus dem Haus zu gehen.
Ich rolle mit meinem Koffer durch die bunte Menschenmenge möglichst auf der schattigen Seite der Straße, vorbei an dem pittoresken Hotel de Ville und einer Pro-Israel-Demo Richtung Seine.
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| See you! |
Ich lasse mich treiben. Der Blick auf die Seinebrücken löst wie immer romantische bis nostalgische Gefühle aus. Ich habe so viele Filme gesehen und so viele Bücher gelesen, dass mir die Brücken wie alte Freunde mit gemeinsamen Erinnerungen vorkommen. Alles ist da für einen tragischen Liebesfilm: die Seine, die Cafes mit den kleinen Stühlen, die immer nebeneinander am Tisch stehen, die Stände mit den alten Büchern, Raucher, die Tafeln mit dem aktuellen Tagesangebot der Restaurants und nicht zuletzt die alten Häuser mit den kleinen Balkonen. Wenn ich mein Kulturprogramm Notre Dame beendet habe, werde ich mich mit einer Cola light in einem Cafe belohnen. Paris feeling wäre mit Pastis oder Rotwein natürlich klassischer gewesen, aber bei der schon erwähnten Hitze völlig unmöglich, wenn ich meinen ICE noch finden will.
Dann habe ich es im wahrsten Sinne im Schweiße meines Angesichts geschafft.
Notre Dame
Der Platz vor der Kirche ist voller Menschen. Was machen die nur allen hier bei der Hitze? Nun ich bin ja auch hier...!? Die Sicherheitsbeamten von Notre Dame teilen die Menschen am Eingang in die ein, die beten wollen und die nur die Kirche besichtigen wollen. Ich reihe mich richtig ein und sehe prompt ein Schild mit einem durchgestrichenen Koffer. Oh nein, wo soll ich denn mit dem Ding nur hin? Hätte man mit Koffer beten können? Ich überlege hektisch, ob ich noch in die Reihe der Betenden wechseln soll. Da kommt auch schon Don Johnson of Notre Dame mit Spiegelsonnenbrille, deutet auf meinen Koffer und schüttelt herzlos den Kopf. Er macht kehrt und stellt sich wieder breitbeinig seine trainierten Schultern in Position bringend neben den Eingang. Ich versuche ihn mit meinen 5 französischen Worten und meiner ganzen Gestik davon zu überzeugen, dass er auf meinen Koffer aufpassen will und ich in die Kirche darf. Nix! Tut so als wenn er das nicht verstehen würde und verzieht keine Miene. An dem beiße ich mir die Zähne aus. Ich bin definitiv nicht sein Typ. Aber wenn es einen Eingang gibt, dann gibt es auch einen Ausgang. Ich laufe mit meinem Koffer schwitzend durchs Getümmel. Gefunden! Dieser Wachposten ist ein ca. 50jähriger kleiner Mann, der auf einer Seite die Haare länger wachsen lässt, um sie über die beginnende Kahlheit zu kämmen. Das wird gehen. Also: Kopf leicht nach unten und auf die Seite legen, Wimpern und Blick leicht nach oben, lächeln: „Sil vous plais...?“ und beginne meine theatralische Gestikvorstellung ein zweites Mal. Er hat Humor und ist in jeder Hinsicht für meine Aufführung mehr meine Zielgruppe. Ich darf wirklich rein und er hat meinen Koffer an der Hand.
Die Kirche ist schön und kühl. Ich laufe beschwingt und beinahe euphorisch durch die Kirche. Endlich hat was geklappt und ich kann mir etwas anschauen. Am Ende meiner Besichtigung bedanke ich mich überschwänglich bei meiner Kofferwache.
Jetzt ist es Zeit für meine Belohnung und das Paris feeling für den Abschied. Ich verlasse die Insel auf der Notre Dame liegt und wähle ein Eckcafe an der Seine auf dem Weg zurück zur Metro. Es liegt im Schatten und sieht nett aus. Da es wie erwähnt extrem heiß ist, transpiriere ich hilflos vor mich hin. Eine Cola light endlich – koste es was es wolle. Mein Tisch ist dunkelbraun und klebrig, aber in der Nähe des Ventilators und einer Ecke für den Koffer. Der Geruch von Pastis, Bier und Kaffee mischt sich. Gerne würde ich noch etwas essen, aber dafür ist nun keine Zeit mehr. Ich kann mir ja am Bahnhof was kaufen. Diese Reisediäten wegen schlechter Verpflegungssituation sind bestimmt nicht schlecht für mich.
Wenn man dann so eine Cola getrunken hat, dann ist natürlich das Klo bald ein Thema. Der unengagierte Kellner will auf meinen Koffer aufpassen. Die Toiletten seien im Keller, erläutert er durch ein Grunzen mit einem gelangweilten Kopfschwenk. Es gibt nur ein Klo und ein Pissoir. Die Wahl ist klar und ich trete in die dunkelgekachelte und spärlich beleuchtete Kabine. „Pitsch-Patsch“ –oh nein, meine Sneaker waten durch einen See mit unbekannter Flüssigkeit. Ich will nicht gleich das Schlimmste annehmen und glaube noch an ein Leck in der Wasserleitung. Immerhin gibt es Klopapier. So schlimm kann es also nicht sein. Die Sohlen meiner Schuhe sind hoch genug. Meine Füße werden nicht nass, wenn ich vorsichtig und langsam gehe. Nur Mut also! Der weiße Deckel der Kloschüssel ist heruntergeklappt. Und dann mache ich etwas, was ich sonst nie tue: Einer Eingebung folgend nehme ich etwas Klopapier und fasse damit den Deckel an, um ihn hochzuheben. Es war die Rettung meines gesamten Mageninhalts. Der Anblick ist atemberaubend und ich pralle mit dem Rücken gegen die Klotür. Bis an den absoluten Rand ist die Kloschüssel gefüllt mit dahin gehörender gelber Flüssigkeit und feste Bestandteile in allen Formen und Brauntönen. Etwas in dieser Variantenvielfalt habe ich noch nie gesehen. Ich beherrsche meinen Magen und dann nur raus hier. Jetzt auf keinen Fall in Hektik verfallen und dadurch Spritzer in dem See, in dem ich stehe, riskieren.
Ich lege einen beherrschten Rückzug hin und krame zurück am Tisch erst mal ein Wunddesinfektionstuch aus meiner Tasche und benutze es großzügig. Ich gehe erst im ICE aufs Klo. Egal - ich halte durch.
Der Kellner, der meinen Koffer dann doch lieber allein gelassen hat, hat mir die Rechnung für die Cola light gebracht. 4,80 € bezahle ich für dieses Erlebnis. Das schlägt die Cola in Perpignan und damit hat sich das Cafe in 2 Kategorien qualifiziert: Teuerste Cola und ekeligstes Klo. Wenn es außerdem noch eine Möglichkeit gebe für alleingelassene Koffer (der Mistkerl, der!) ein Minustrinkgeld zu geben, hätte ich die Möglichkeit ergriffen.
Nach diesem Zuwachs an Erfahrung ist es nun auch Zeit zum Gare de l´Est zu fahren und meinen ICE ausfindig zu machen. Ich schaue noch in den einen oder anderen Souvenirladen und betrachte Lustiges und Kitschiges mit Eifelturm oder chat noir.
Die schon erwähnte Hitze ist in die Gänge der Metro gekrochen und die Menschen stehen wie Sardinien in der Dose schon auf dem Bahnsteig. Die erste Metro ist so voll, dass ich mit meinem Koffer nicht reinkomme. Bei der zweiten benutzte ich meine Ellenbogen und schaffe es an der Tür einen Platz von 40 x 40 cm für mich und meinen Koffer zu ergattern. Atmung wird zum Luxus, auf Zehenspitzen stehen ermöglicht Platz für den Koffer, festhalten unnötig.
Am Bahnhof Gare de l´Est gibt es außer dem Boden nichts zum Rasten. Ich habe einfach nicht herausbekommen, warum Paris so voll war. Alle Bänke sind belegt, alle Plätze in den Cafes, der Bahnhof ist auch rappelvoll. Die Informationstafel informiert die Reisenden, dass der ICE ausgebucht ist, aber wie üblich nicht, wo er abfährt. In der schönen Halle des Gare de l´Est ist es noch heißer als draußen. Der Bahnhof hat ein Glasdach und nutzt daher bei diesem Wetter den Gewächshauseffekt.
In solchen Situationen kann man sich nur noch die Zeit mit Shoppen totschlagen. So erstehe ich (nach einem erschreckten Blick im Spiegel auf meine Frisur) eine Haarband, einen französischen Schokokuchen für die Naschkatzen zu Hause und ein Sandwich mit Hühnchen für mich. Eine Cola light für schlappe 2,20 € bewahrt mich vor dem drohenden Kreislaufkollaps.
Kurzfristig und damit die Spannung erhaltend wird das Gleis durchgegeben. Auf Wiedersehen, Paris!
Um 21:30 werde ich in Kaiserslautern abgeholt. Nach 11 Tagen bin ich wieder zu Hause. Nun erst mal in die Badewanne. Ich fühle mich, als wenn ich viele, viele Wochen unterwegs gewesen wäre.






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