Mittwoch, 7. September 2011

Man hat mir gesagt, ich war früher oft auf Amrum…

So ist das manchmal Mitte Vierzig, Anfang Fünfzig. Man ist der festen Überzeugung, jeden Spruch, jede dumme Ausrede und jedes Kennlernritual schon einmal mitgemacht zu haben. Nichts – wirklich nichts kann noch überraschen.
Nicht immer frustriert - meist mit Humor - betrachte ich das Älterwerden und den viel zitierten Erfahrungszuwachs. Das klang früher immer nett und weise, hat aber leider zu Folge, dass das Leben schleichend immer weniger aufregend wird. Erfahrungen sind also nur bis zu einem gewissen Grad, kurz einem gewissen Alter, wirklich lustig.

Besonders negativ wirkt sich das bei den zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Wie kann man das aufregende Kribbeln im Bauch spüren, wenn etwas wirklich Neues passiert? Das soll keine neue Liebe sein, die ja alles durcheinander bringen würde.
Nur dieses Gefühl etwas wirklich spannendes Neues zu erleben, das die eigene Welt ein wenig aus den Fugen hebt.
Eine Begegnung, die einen irritiert und schließlich verändert zurücklässt.
Ein Gespräch, das einen die Welt und ihre Dinge noch mal aus einer völlig anderen Sicht sehen lässt.

Und nach einem Abend in der blauen Maus auf Amrum mit der Unterstützung von Whisky und Wein kam das wirklich andere: Thomas.
„Hallo, ich bin Thomas. Ich hatte 3 Schlaganfälle und ich kann mich vielleicht morgen nicht daran erinnern, wer ihr seid. Ihr musst mir dann sagen, dass wir uns hier kennengelernt haben. “
Das lässt aufhorchen! Ein Hauch von „50 erste Dates“ oder Dorie in „Findet Nemo“? Nein.
Ein fabelhafter Abend!

Wie oft ärgert man sich – ich eingeschlossen, sorry , mein Guter! - , dass der Partner sich nicht die Spur an ein bestimmtes Gespräch erinnern kann? Was heißt Gespräch? Unvorhersehbare Jahrestage wie Weihnachten oder Geburtstage, Pausenbrote, Klavier üben mit Nachwuchs, die Kinoverabredung um 7 Uhr, das Basilikum, das Problem letzter Woche, die Lieblingsblume, das Brötchen kaufen auf dem Weg nach Hause, die Schlafenszeit des Kindes…
Im Laufe der Jahre kann sich da so viel Ärger ansammeln: Da kommt der Partner gar nicht hinterher mit Staunen. Das ist klar der Vorteil beim Beziehungsalzheimer: Es ärgert sich nur einer.

Thomas ist nun anders. Wir hören die Lebensgeschichte von Thomas mehrfach und erfahren doch immer wieder neue Facetten. Keine Geschichte wird gleich erzählt. Hier neue Details, da ein  neuer Blickwinkel.
Und wir müssen auch mehrfach erzählen. Und mit viel Humor und Interesse findet Thomas sofort die delikaten Punkte in unseren Leben und fragt das auch mehrfach ab. Immer mit dem Hinweis: „Vielleicht hast du mir das schon erklärt, aber ich muss das noch mal fragen!“ Ungereimtheiten lassen sich offensichtlich schlechter ins Gedächtnis bekommen. Recht hat er.
In welcher „normalen“ Situation des Kennenlernens traut man sich so genau mehrfach nachzufragen und auch etwas mehrfach zu erzählen, wenn ein wichtiges Detail zu fehlen scheint? Definitiv hat Thomas mir etwas voraus.
Durch das Mehrfacherzählen lernt man sich gut kennen. Unterschiede und Ambivalenzen  werden deutlich. Ich merke schnell, wo es bei mir „hängt“ und zu welchen Teilen meines Lebens ich wohl kein so ein freundschaftliches Verhältnis habe.  

Wiederholung bringt also weiter.

Natürlich weiß ich nicht, ob Thomas sich an den netten Abend in der „Blauen Maus“ auf Amrum erinnern kann. Er hat mir empfohlen, ihm zu sagen, dass wir uns kennen, wenn wir uns auf der Straße begegnen.
Also, Thomas, vielen Dank für die Salzstangen. Wir kennen uns.

Mittwoch, 31. August 2011

Amrum – oder was ist schön daran im Regen zu stehen?

 

Ein Kurztrip – eine Freundin auf Amrum besuchen.
Endlich mal Zeit zum Reden, Reden und Reden. Da war mir das Wetter sowieso egal. 

Nordseeluft ist gesund. Die mitleidigen Gesichter meines Umfelds bestätigten mir das wie zum Trost. Die Wetterprognosen wurden immer schlechter und die Gesichter immer mitfühlender. Schließlich war es klar: Ich werde im strahlenden Sonnenschein anreisen und dann konsequent 3 Tage in Gummistiefeln verbringen.Ich bekam so viel Mitgefühl aus meinem Umfeld, als würde in meinem Urlaubsparadies ein fieser Magen-Darm-Virus wüten.

Die Zugfahrt war dann - wie angekündigt sonnig - und sehr entspannend. 2x umsteigen, dann wurde die Luft wurde immer reiner und klarer, die Kühe glücklicher, die Züge langsamer. 

Fast unvorbereitet durchbrach der Zug den Deich in Dagebüll. Das Meer! 

Vor mir lagen die Fähren, der Strand, das Wattenmeer und wie Perlen die Halligen in der Ferne. Es ist ein wunderschöner Nachmittag. Ich mache es mir auf dem Oberdeck meiner Fähre mit Tee und Sonnenbrille bequem und warte auf die schon angekündigten Seehunde auf der Sandbank kurz vor Föhr. Man kann sie kaum erkennen.Eigentlich sind sie auf die Entfernung nicht so süß, aber doch ein Hingucker. Und sie sehen so gemütlich aus!

Es war natürlich klar, dass ich den Kardinalsfehler der unerfahrenen Nordseefahrerin machte: Mein in der Tagescreme eingebauter Sonnenschutzfaktor versagte bei so viel UV-Strahlung völlig. Langsam wurde ich hummerrot im Gesicht. Aber das ich merkte natürlich nicht. Dieses Wattenmeer faszinierte mich vom ersten Augenblick an und ich starrte und starrte auf das Meer. Die Luft wurde immer reiner und klarer und weich wie Watte. 
Der Abend lud zum Spaziergang ein.

Nach einem spektakulären Sonnenuntergang bei wolkenlosem Himmel verbrachte ich meine Tage ab dann im Regen. Der Regen kam von oben, von rechts, von links, mal so stark, dass er auf der Haut prickelte, mal so schwach wie Tau, aber immer war er dabei. Und in diesem Regen habe ich mich in die Insel verliebt. 
Das Wetter ist auch im Regen abwechslungsreich und bietet jeden Tag ein absolutes Highlight. Mein Favorit: Vor dem Hintergrund der schäumenden See brechen grauschwarze Wolken auf und für 5 min lassen die gelben Sonnenstrahlen alle Regentropfen glänzen. Muss man gesehen haben.




Amrum ist eine Welt in klein. Bestens sortierte Supermärkte, ein tolles Kino mit netten Mitarbeitern, ein fabelhaftes Bus- und Shuttlesystem, Fahrradverleihe und eine ansprechende Sauna. Nur das Schwimmbad ist ein wenig zu klein für den Ansturm der vielen Kinder. Die kleinen Geschäfte für Krimskrams, Haushaltswaren und Kleidung sind ebenfalls gut sortiert und enttäuschen auch erfahrene Shopper nicht. 

Das Essen im Restaurant war sehr gut und erstaunlich günstig für die Insellage. Fisch muss man aber schon mögen…..Ich liebe Fisch und das Restaurant „Der Strandvogt“ gönnte mir einen Ausflug in meine Kindheit: „Fisch mit Senfsoße“  Danke sehr dafür!

Zusammengefasst: Eine tolle Insel zum Reden, Relaxen und Natur geniesen. 
Und das Schönste: Am Meer im Regen stehen.