Samstag, 25. Juni 2011

Mannheim - Palma de Mallorca Juni 2011


Knuddel das Kind, Knutsch den Mann und dann bis dann.
Ich bin nervös. Das muss ich zugeben. Nervös alleine zu fahren, die Anschlüsse zu bekommen, irgendwie verloren zu gehen. Das Abenteuer fühlt sich morgens um 5 Uhr nicht gut an. Habe vergessen, dass Abenteuer nicht wie in der Marlboro-Werbung sind und am Abend vielleicht kein Lagerfeuer auf mich wartet, sondern ich wahrscheinlich müde, schmutzig und allein in einem unbequemen Sessel auf einer technisch zweifelhaften Fähre sitze.

Wie ist der Plan?
Ich fahre nach Paris-Este, finde Paris-Lyon, fahre von dort nach Perpignan, kaufe da ein Ticket nach Barcelona. Da komme ich um 21:30 Uhr an und schmeiße mich in das nächste Taxi zum Hafen und fahre um 23:00 Uhr mit der Fähre nach Malle. Um 7 bin ich dann da. Und – ich habe keinen Kabinenplatz. Ganz wie früher zu meinen Rucksackreisezeiten. Auf der Reise von Zeebrügge nach Edinburgh habe ich die Erfahrung gemacht, dass die gemütlichen Pullmannsitze im Längen komfortabler waren als die Kabinenbetten. Bei dem Sturm in den wir geraten sind, quietschte die Kabinenverkleidung so sehr, dass an Schlafen nicht zu denken war. In den Pullmannsitzen lag man gemütlich eingekeilt und man musste auch keine Angst haben im Tiefschlaf aus dem Bett zu rollen. Und nun habe ich ein kleines Kopfkissen und eine Fleecedecke eingepackt, um es mir in so einem Sitz bequem zu machen. Das soll ganz gut gehen, wie ich in dem Blog von „Reise-Kalle“ lesen konnte. Ich bin gespannt. Sollte alles gruselig werden, wartet auf mich am Freitag ein Hotel in Malle, meine Lieben und am Samstag die Aida mit der Mittelmeer-Kreuzfahrt. Ja, deshalb der ganze Ausflug. Ich will meinen Traum umsetzen und eine Kreuzfahrt machen. Seit ich vor 38 Jahren (Um Himmels willen!!!) Enid Blyton „Das Schiff der Abenteuer“ gelesen habe, träume ich davon. Eine Fahrt mit der Aida soll das Non-plus-ultra sein und nicht so anstrengend steif, also habe ich das gebucht. Leider konnte ich mich mit meinem Plan in der Familie nicht durchsetzen in den Norden nach Island und Spitzbergen zu fahren. Das wäre zu kalt, jammerte die Restfamilie und so machen wir jetzt eine Kreuzfahrt zum Ausprobieren im westlichen Mittelmeer. Dann mal los. 

Mannheim 6:40 Uhr:
Müde Menschen mit Pappbechern und kleinen Papiertüten huschen umher. Pendler treffen sich, Zeitungen werden gekauft, manche frösteln auf dem Bahnsteig.
Der ICE ist gewohnt komfortabel und 10 min zu spät.
Erster Check: Was habe ich dabei?
Meinen alten Toshiba Laptop, 2,5 kg schwer mit Windows Vista! Er ist gruselig, aber ich konnte mich einfach nicht für ein anderes Gerät (leicht, leistungsstark und cool) entscheiden. Immerhin ist er leichter als eine Schreibmaschine aus den 80iger Jahren. Es hat sich doch herausgestellt, dass das sehr intellektuell rüberkommende Schreiben in ein kleines Buch ein bisschen doof ist, wenn man dann zu Hause für den Blog alles abschreiben kann.
Und ich habe alle möglichen Podcasts geladen, damit keine Langweile aufkommt. Und ich habe „Die Zeit“ gekauft – aus gleichem Grund. Eine Flasche Wasser und eine Notbanane (ich sage nur Milano – Zürich). Und wie gesagt: Lieblingskissen und Fleecedecke sind eingepackt.
Wie sind meine Mitreisenden?
Ein Jung, knapp ein Jahr,  mit Mutter und müder großer Schwester, der einfach fabelhaft drauf ist. Leider kennt sein Unternehmungsgeist nicht so enge Grenzen wie die Mutter und so ist er bei dem Versuch alle Mitreisenden kennenzulernen, ziemlich laut. Neben mir eine Dreierkonstellation von 2 Studentinnen und einem Studenten mit langen roten Haaren auf dem Weg nach Paris. Der junge Mann mit Camouflage-Bermuda und schwarzem Shirt, das für Bier wirbt, hat neben mir auf dem Tischen eine riesige digitale Canon mit einer Wahnsinnssammlung an Objektiven aufgebaut. Er wolle die Zeit im Zug Nutzen die beiden Mitreisenden in die Funktionen des Geräts einzuarbeiten, damit er und Paris gefilmt werden können. Angesichts des technischen Overkills wirken die beiden Mädels erschreckt. Aber der Plan ist klar, Ausflüge mit und ohne Kamera werden unbeirrt festlegt. Schließlich kuscheln sich die Mädels in ihre Fleecejacken und MP3-Player. Die Klimaanlage ist ein wenig kühl eingestellt.

Zwischenstopp Saarbrücken. Französisch ist jetzt im Zug zu hören und Reiseführer von Paris kommen auf den Tisch. Vibrationsalarm: Willkommen in Frankreich! An mir vorbei rauschen Getreidefelder umrandet von Hecken und Bäumen, der Himmel ist grau. Schwere Regenwolken hängen tief über dem Horizont. Der Zug nimmt Geschwindigkeit auf. Jetzt ist es wieder ein bisschen wie fliegen.

Mein junger Sitznachbar mit dem beeindruckend langen Objektiv ist übrigens total frustriert. Irgendwas klappt nicht so wie soll. Wild werden Schalter und Knöpfe an Kamera und Objektiv ausprobiert. Schließlich wird alles wütend wieder eingepackt. Leckerer Schokopuffreis kommt auf den Tisch und er verteilt ihn in der Runde. Die Diskussion „Theater oder Kino“ kommt in Schwung. Es wird gelacht und wieder wärmer.
Man muss ja festhalten, dass ich mit meinem Toshi hier definitiv nicht angemessen ausgestattet bin und allenfalls als Freak durchkomme. Männer aller Altersklassen haben hier wirklich eine tolle Ausstattung mit allen Raffinessen auf den Knien. Ein Blick in den Spiegel: Frau über 40 mit schiefer Lesebrille und Toshiba-Laptop mit der Eleganz einer Galapagos-Schildkröte. Stöhn!

Gare de Este nach Paris Gare de Lyon
Wo geht es zum Gare de Lyon? Suchende Blicke in alle Richtungen, finde in dem wirklich schönen Bahnhof Kosmetik und McDonalds, aber einfach nur Hinweisschilder mit RBB und M etc. Hilfe! Und da werde ich schon von dem ersten panischen Deutschen über den Haufen gerannt, der mit auf Französisch zu erklären versucht, dass er den Gare de Lyon sucht. Das Französisch ist so Deutsch, dass ich das auch versehe und er ist so panisch, dass er weg ist, bevor ich sagen kann, dass er nicht allein mit seinem Problem ist. So weit will ich mich nicht wegen einem Bahnhof bringen lassen und stelle mich bei der Information an. Die gibt mir einen mikroskopisch kleinen U-Bahn-Plan der super in die Hosentasche passt. Ich erkenne als Alterssichtige einfach nichts und lächele. Immerhin habe ich nun die Umsteigebahnhöfe eingekreist bekommen. Ich rette mich in eine Ecke  - nicht, dass mein Mitsuchender immer noch im Kreis herumläuft und mich noch mal umrennt – und suche meine Lesebrille. Den Weg zum Gare de Lyon verbringe ich so: Lesebrille auf – auf den Plan gucken. Brille einstecken, losrennen, Koffer tragen, Lesebrille suchen, aufsetzen – nochmal nachlesen, absetzen, Koffer schleppen, Treppauf-Treppab. Schweißausbruch,  in die U-Bahn. Jetzt wieder die Brille raus! Brille wieder rein in die Tasche.  Ohne sie bin ich in Paris wegen Analphabetismus verloren. Ich kann die U-Bahn-Pläne nicht lesen! Die Sache ist einfach zu bescheuert.
Treppauf-Treppab. Zweiter Schweißausbruch.  Brille fällt vom Kopf! Hilfe! Ticket fällt aus der Hosentasche. Hilfe! Gebe zu, dass ich den Eindruck einer schusseligen, verwirrten Frau mache.
Dann bekommt man ein Geschenk wie dieses: An dem Umsteigebahnhof in der Innenstadt bin ich gemeinsam mit einem Mann und seinem kleinen ca. 6jährigen Sohn in einen gläsernen Fahrstuhl gestiegen. Der Fahrstuhl leuchtete in mattem Grün, helle weiße Lichtleisten an den Seiten unterstützten Eindruck einer schwebenden Lichtkugel und bei der Fahrt über ein Stockwerk konnte wir drei einen Blick auf die Seile und Technik des Fahrstuhls werfen. Die braunen Augen des Jungen wurden immer größer und er stand still dar, beinahe ehrfurchtsvoll.“Cést tres joulie?“ fragte der Vater seinen Jungen beim Aussteigen. Und er antwortete wirklich voller Inbrunst und mit riesigen Augen warf er seufzend einen Blick zurück:„Oui, cést tres joulie.“ Es war ein Moment für den Jungen, der sich ins Herz einbrennt und den man dann noch abrufen kann, wenn man mit 50 an seine Kindheit zurückdenkt. Es ist ein Geschenk in diesen Momenten Zuschauer sein zu dürfen.

Paris Gare de Lyon
ist schön -2012! Im Moment ein völlig chaotischer Bahnhof mit 2 Hauptproblemen: Wo fahren die TGVs ab und wie kann man auf seinem Koffer bequem sitzen bis es soweit ist? Das Abfahrtsgleis wird auf keinen Fall früher als 10 min vor Abfahrt bekannt gegeben. Und der gesamte Bahnhof hat nur Sitzgelegenheiten für max. eine Schulklasse, die da auch schon zum Teil übereinander sitzt.. Der Sinn der spontanen Gleisverteilung kann nur sein: Diese Maßnahme soll die Menschen zusammenbringen. Die Fahrgäste sind vor den winzigen Bildschirmen kuschelig zusammengedrängt bis zur Bekanntgabe des Gleises verbringt bis die frohe Nachricht verkündet wird. Nach kurzem Gemurmel brechen alle Betroffenen hektisch auf und bahnen sich ihren Weg durch Baustellen und Absperrgitter bis zum Gleis um sich kuschelig eng zum entsprechenden Waggon zu schieben. Der richtige Waggon? Waggon 5, den ich suchte, war der Waggon 6, der jetzt mal heute so hieß. Ein Blick auf das Gesicht des SNCF-Zugbegleiters verriet mir, dass er diese Umbenennung nicht mit mir diskutieren wollte. So steige ich in den Waggon, dessen heutiger Name 6 ist, zusammen mit einem aufgeregten Graupapagei einer unzufriedenen schwarzen Katze mit rotem Halsband, einer unternehmungslustigen Terrier-Mischung  und einem attraktiven Yorkshire-Terrier mit Zopfspange. Ich habe wirklich noch nie vorher einen Papagei im Zug reisen sehen. Er saß in einer kleinen Kaninchentransportbox und ein alter Mann hielt ihn im Gedränge ganz fest. Seine Frau führte die 2 sicher und liebevoll durch die Menschenmengen. Ihr Mann war nicht aufgeregt, er vertraute seiner Frau vollkommen. Obwohl er offensichtlich die Situation nicht mehr begriff,  blieb er vollkommen ruhig und achtet liebevoll auf den Graupapagei. Wie viel Vertrauen sich in all den Jahren aufgebaut hat.
Nun sitze ich im ersten Stock in so halbwegs bequemen Sitzen und bin soeben aus meinem Mittagsschlaf aufgewacht und nach Baguette mit „poulet“ mit einer Senfremouladengeschichte wieder bei Kräften. Nimes haben wir inzwischen hinter uns gelassen und die Landschaft ist immer noch wenig interessant. Getreidefelder und Gebrauchtwagenhändler sind das Motto der Stunde.
In diesem Zug sind Gerüche wieder ein Thema: interessante und billige Parfüms, Menschen, die Knoblauch lieben,  die unverwüstliche Niveacreme, Aprikosenkuchen, alle Varianten von Kaffee, Rosé und Bier. In diesem Zug gibt keine Geschäftsleute. Oder vielleicht sind die nicht in meiner 2. Klasse. Viele ältere Leute mit umfangreichem Picknick und verschiedenen Taschen mit Reißverschlüssen und Stockflecken dominieren eindeutig.
Die beiden Frauen in der Reihe neben mir hatten wirklich ein mehrere Gänge Picknick dabei. Aus einer zerknautschten Givenchy-Papiertüte holten die Endvierzigerinnen nacheinander selbst gemachte, duftende Aprikosentartes, Sandwiches mit Thunfischcreme und Tomate, dann Baguette mit Käse und Salat, Müsliriegel und schließlich Kirschen heraus. Alles wurde hübsch zelebriert mit Extra-Serviette und Vorfreude und jeder Gang wurde von allen Seiten begutachtet und diskutiert. Picknick der Luxusklasse.
Leider sind die Tiere alle unten. Dabei versprach die Mischung der reisenden Tiere einen gewissen Unterhaltungswert. Nur dem Yorkshire-Terrier wurde hier mal der erste Stock gezeigt. Seine Schleife hing schon ein wenig schlief.
Montpellier rattert vorbei. Uncharmant wird der Zug in einen Tunnel geführt bis wir an einem Gleis mit schmutzig-orange-grünen Fliesen der 70iger Jahre anhalten. Durch die Lüftungsschlitze in den Betonwänden kann man sehen, dass es bewölkt ist. Ist das hässlich hier. Die Klimaanlage ist schlecht und ich will an die frische Luft. In dem Zug wird mir langsam übel. Und das noch eine Stunde und 14 Minuten.....
Ich bin ein wenig muffelig und denke daran, dass ich gerne in Paris mit meinem Lieben geblieben wäre. 4 Stunden Fahrt reichen mir glaube ich am Stück und es tat mir sehr leid, mit der U-Bahn zu fahren und  in Cite und Charlet nicht aussteigen zu können. Eine Stunde zu Fuße rund um Notre Dame und ein netter Mittagssnack hätten meiner Laune gut getan. Ich brauche mehr Zeit. Immer noch rasen so viele Orte an mir vorbei. Es wäre traumhaft zu reisen und zu entscheiden, wann ich von einem Ort oder einer Stadt genug habe und weiterreisen will. Kommt man dann aber überhaupt voran?

Natürlich habe ich die Reise mit der Aida geplant, bevor ich mich entschied langsamer zu reisen. Deshalb ist diese schnelle Reise nach Palma auch ohne Flugzeug in einem starren Zeitplan. Eine Woche Urlaub ist bei einer 24 Stunden Anfahrt einfach nicht langsam oder entspannend. Bei diesem Reisetempo mit einer festen Ablegezeit der Aida im Nacken bleibt keine Zeit für die Reisende, sich auf neue Eindrücke wirklich einlassen zu können. .Ich merke, dass die Entscheidung langsamer zu reisen andere Entscheidungen nach sich ziehen wird. Das Abenteuer bei Reisen wirklich Zeit zu haben und sich auf Dinge und Entwicklungen einlassen zu können setzt eine andere Reiseplanung voraus.

Habe einen besseren Platz im Zug gefunden. Im Gang neben den Koffern und gegenüber der Toilette gibt es eine kleine Doppelbank, die der offizielle Telefonierplatz des Zuges ist. Hier ist es gemütlich und kühler und riecht eindeutig frischer. (...!). Ich lege die Beine hoch und schon bin ich nicht mehr so muffelig.
Perpignan ist nahe. Dort habe ich dann 90 min Aufenthalt und ich kann mir mal die Beine vertreten. Ich muss auch unbedingt meinen Akku aufladen. In dem TGV gibt es keine Steckdosen. Und ich habe nun kein Buch mitgenommen wegen all der Sachen auf dem PC.
Merken fürs nächste Mal: Immer ein Buch mit nehmen.
Nach Narbonne taucht zu beiden Seiten des Zuges Wasser auf. Ich bin am Mittelmeer, das kann man am Horizont manchmal grau auftauchen sieht. Wie heißt diese merkwürdig Landschaft aus flachen Seen und Meeresarmen? Wegen des schlechten Wetters ist das Wasser trüb und grau. Manchmal reicht es auch eindeutig nach Toilette. Ich habe nun wirklich genug von schlechten Gerüchen und von der Gegend hier auch- Ich will nach draußen. 

Der Zug der Hoffnung
In Perpignan bin ich dann endgültig allein, müde und verschwitzt. 35 min stehe ich in einer Warteschlange um das Ticket nach Barcelona zu kriegen. In der Halle sind gefühlte 39 Grad und es geht kein Lüftchen. Die Klimaanlage hat sich wohl verabschiedet. Es ist bedeckt und schwül. Dann finde ich heraus, dass ich auch kein Ticket bis Barcelona buchen kann. Ich muss in Port Bou umsteigen und innerhalb von 30min ein Ticket besorgen. Wenn das so umständlich ist wie hier und ich in einer ewigen Schlange stehe, muss ich in der spanischen Provinz übernachten, mein Fährticket verfällt...Fruststimmung macht sich breit.
Dann habe ich mein Teilstreckenticket nach Port Bou, dem ersten spansichen Bahnhof und nun erst mal raus aus dem Bahnhof – ich muss mich irgendwo frisch machen und mal aufs Klo gehen Die Gegend ist durchaus zwielichtig, voller schlechter Tattoos und die Snackbars sehen nicht so aus, als wenn da ein Klo zu finden wäre, in dem man nicht bis an die Fußsohlen in der Pipi steht. Nach einem kurzen Spaziergang will ich doch lieber in die Kneipe dem Bahnhof gegenüber. Dann habe ich es wenigstens nicht weit zurück. Der Kellner ist nett und so das sturmgepeitschte Model, während sein Chef hinter der Bar mehr der überall runde Typ ist. Sein Doppelkinn wackelt bei jedem Wort beeindruckend hin und her. Für eine 3,50 € Pepsi kaufe ich mir die Möglichkeit meinen Toshi für 15 min aufzuladen und das Klo zu benutzen.
Rechtzeitig zurück im Bahnhof wieder beginnt das bekannte Spiel: Alle Reisenden stehen herum und warten auf die Gleisanzeige. Und aus den Schatten und Ecken lösen sich die langsam, mit Gepäck beladene Reisende sobald die Anzeige erscheint. Da keine Ansage kommt, sondern sich nur die Anzeige ändert und so die Menschen scheinbar ohne Anlass reagieren, erinnert mich die Szenenerie  an „Return of the living dead“.
Wir sind diesmal nur eine kleine müde und verschwitzte Gruppe. Treppauf, treppab, Hechel, Schweißausbruch – Als wir auf dem Gleis ankommen, trudelt im Schneckentempo, fast schüchtern ein Zug ein. Unser Minigrüppchen zögert. Wir schauen uns gegenseitig irritiert an und versichern uns, dass wir alle hoffen, dass das nun der richtige ist. Am Zug und am Gleis fehlen alle Hinweise. Eine Ansage gibt es nicht. Menschen außer uns gibt es auch keine. Wir steigen also ein.
Der Zug der Hoffnung ist angenehm sauber und klimatisiert. So fühlt sich Dankbarkeit für unverhofftes Glück an! Wir sind alle schon so weit gereist (Paris, London, Marseille, Spanien und ich), dass wir einfach einsteigen und uns häuslich einrichten. 4 Seufzer der Erleichterung sind zu hören, als wir unsere Beine hochlegen und unsere Getränke rausholen. Nur unser junger Spanier verliert etwas die Nerven mit den patriotischen aber auch leicht verzweifelten Worten:“Ich komme aus Spanien, ich bin Spanier und ich muss da heute wieder hin, “ und findet schließlich Auskunft beim  Lokführer. Wir sind im richtigen Zug! Damit ist er definitiv der jugendliche Held der verschwitzten Reisegruppe.
Der Zug der Träume - Viva Espana!
„Ola. Ticket to Barcelona?“ 10,45 € bezahlt, richtige Gleisempfehlung bekommen. Und da stand er der Zug der Träume: Saubere, individuell einstellbare, blaue Sitze mit Tischchen und zu jedem Sitz eine Steckdose, die funktioniert. Die Klos sauber, ein Getränkeautomat auf dem Gang und die Klimaanlage ist perfekt eingestellt. In diesem Zug würde ich weitere 1000 km reisen. Die spanischen Bahnhöfe dieser Strecke sind sehr gepflegt und teilweise liebevoll mit Bänkchen, die zum Plausch einladen und korrespondierenden Pflanzen ausgestattet. Die Fahrt geht vorbei an winzigen Buchten und Stränden. Das Meer wird immer blauer in der Abendsonne.
Der Zug wird erst ab Girona voller und wir fahren nicht mehr am Meer vorbei.. Nettes gemischtes Publikum, auch eine Gruppe von 7 deutschen Abiturientinnen inklusive Reisetagebuch mit gepressten Blümchen ist dabei. Die Lateinkenntnisse sind noch frisch und fundiert wie sich beim Kontakt mit dem Spanischen herausstellt. Warum irritiert mich die völlige Abwesenheit von Frisur, Styling und Make-up nur so?
Ich stehe vor meiner letzten Etappe. Meine Fähre finden. Mit Hilfe eines Taxis kann das ja nun kein Problem mehr sein. Ich bin euphorisch.

Ferry, Boat, Ship, Barca, Schu-Schu-TUUUUUUUUUUUT!
Barcelona Sants
ist wirklich ein toller Bahnhof, sehr modern und übersichtlich ausgeschildert. Der Weg zum Taxistand ist von meinem Ankunftsgleis recht weit und ich laufe im Sturmschritt vorwärts. 22:30 Uhr muss ich auf der Fähre einchecken und es ist bereits 21:45 Uhr, Ich habe keinen blassen Schimmer wie weit der Hafen und das Check-in Terminal meiner Fährgesellschaft ist. Ich reihe mich ordnungsgemäß in die Reihe derer ein, die auf ein Taxi warten. 21:50 Uhr. Dann bekomme ich meinen Taxifahrer. „Do you speak English?“ „No!“ Okay, ich hole  meine Buchungsbestätigung für meine Fähre heraus und tippe auf den Namen der Fährgesellschaft. „Hotel?“ fragt mein Taxifahrer höflich und lächelnd. Das war nichts. „No, no! Ferry, boat, Palma de Mallorca!“ rufe ich und versuche eine gewisse Dringlichkeit in meine Stimme zu legen. „No Palma de Mallorca. Barcelona!” freut er sich mich über meinen Standort aufzuklären und fügt hinzu: “Hotel?” Er lässt den Motor an. Es geht los. „No, Hotel! Barca – Palma de Mallorca!“, versuche ich meinen Lateinunterricht zu reaktivieren. Und ein Blick auf die Uhr 22:03 Uhr veranlasst mich noch die Schiffssirenen nachzumachen: „Tuuuuuuuuuuuuut“ und bewege meinen rechen Arm so hoch und runter, als würde ich an einer Schnurr ziehen. Das veranlasst meinen Taxifahrer mit verwirrten Blick seine Zentrale anzurufen. So wie ich ihn verstehe, fragt er nach dem ihm unbekannten Hotel Barca- Palma de Mallorca. Ich gebe auf und rufe meinen spanisch sprechenden Gatten in Deutschland an. Der ist nun auch ein bisschen überrascht und kramt nach dem Wort für „Autofähre“, aber ich halte meinem Taxifahrer einfach das Handy ans Ohr. Er erschreckt nur wenig.  Mit dem Gespür für den richtigen Moment fängt Karl erst mal an Höflichkeiten auszutauschen. Wie er heißt, wer er ist, wie es meinem Taxifahrer geht: etc. 22:07 Uhr. Während ich nervös auf meinem Rücksitz rumrutsche, fahre ich durch das nächtliche, quirlige und unglaublich schöne Barcelona. Ein Blick auf die Stadt und ich weiß, dass ich wieder zu schnell bin und wiederkommen will. Und nun endlich sehe ich auch auf dem Gesicht meines Taxifahrers den Blick der tiefen Erkenntnis. Erleichterung auf allen Seiten, er hat weiß nun , wo ich hin muss. Wir trennen uns 20 min später mit dem Gefühl etwas geschafft zu haben vor dem Hafenterminal. 22:19 Uhr. 

Hallo meine Schöne, ich vermisse dich so!
Mit Hilfe der freundlichen Frau in Uniform bewältige ich den Check-in mit den herumstehenden Automaten und halte stolz  mein Ticket in den Händen. Ich fahre die Rolltreppe des eleganten Terminals hoch und stelle mich in der erstbesten Schlange an. Schnell werde ich informiert, dass ich da falsch bin und da hinten rum und dann rechts muss. Ich will nicht so richtig. Da sieht es nicht mehr so schön aus. Aber hier geht es nicht weiter – also los. Der Schalter dort sieht ein wenig verlassen aus. Aber in 10 min  soll es ja auch schon losgehen. „Palma de Mallorca?“, ich schaue den Mann am Schalter fragend an. „No! Tanger!“ „Tanger?“ mir muss das Gesicht komplett in Scheiben gefallen sein, als er wirklich brüllend vor Lachen über seinem Schalter zusammenklappt und schließlich japst: „No, it´s okay. Palma de Mallorca!“ Definitiv hat er den Witz schon hunderte Male gemacht und ich habe das dümmste Gesicht gemacht. Trotzdem wäre ich ihm vor Erleichterung am liebsten um den Hals gefallen.

Auf dem Schiff habe ich mich erst mal wieder mit meinem Koffer abgeschleppt, weil es auf dem Schiff zwar Fahrstühle gibt, aber die nicht vor dem Eingang der Autolosen auf die Decks führen. Am nächsten Morgen hat es beim Kofferschleppen die Treppen hinunter auch den Knöchel einer Spanierin umgehauen, die versuchen, das Problem auf schwindelerregenden High-Heels zu bewältigen. Sie konnte nicht weiter und saß auf der Treppe fest, die Arme!
Ich habe meinen Koffer erst mal bei meinen Pullmann-Sitz geparkt und bin auf das oberste Deck gestiegen um einen letzten Blick auf Barcelona zu erhaschen. Mein Aussichtspunkt war fantastisch. Nicht nur Barcelona und das Ablegemanöver waren zu bewundern. Auf diesem Deck war auch die Hundestation. Große und kleine Hunde wurden hier gefüttert und dann zu ihren Nachtboxen gebracht. Die Abschiedsszenen waren teilweise herzzerreißend. Es gab hier auf dem Deck noch mehr Abschiede: die letzte Zigarette des Tages, das letzte Bier und der letzte Anruf zu Hause auf den AB der Liebsten. „Hallo, meine Schöne, ich vermisse dich schon sehr!“

Zeit ins Bett zu gehen. Zusammenfassend muss ich sagen, dass ich auf der Fähre recht gut geschlafen habe. Allerdings nicht in der aufrechten Haltung, die die Pullmannsitze vorschlagen. Es müssen auch andere den Blog von „Reisekalle“ gelesen haben und dann vor lauter Wut versucht haben, die fest verschraubten Lehnen zwischen den Sitzen abzureißen. Einige haben es geschafft die komplette Verkleidung abzureißen, so dass es möglich war, in Seitenlage und S-Formation mit verkeilten Füßen in der letzten Lehne ganz angenehm zu schlafen. Kissen und Decke mitzunehmen war einfach eine gute Idee. Eine Isomatte um auf dem Laminatboden ein Bett aufzubauen wäre perfekt gewesen Die Mitreisenden waren nett und still, niemand schnarchte. Eine ruhige Nacht.
Um 6:00 Uhr wurden wir von einer Lautsprecherdurchsage fröhlich geweckt und alles schlürfte zu den Toiletten um sich für Palma in Form zu bringen. Die Sonne ging auf.

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