Freitag, 20. Mai 2011

Roma Termini – Mannheim Mai 2011



Rom

 Umwerfend halt.

Roma Termini 11:15 Uhr

Ich teile Rom mit 1000000 Gläubigen, die anlässlich der Seligsprechung des letzten Papstes anreisten und 1000000 musikbegeisterter Menschen, die das Konzert auf der Piazza San Giovanni hören wollen. Das macht den Abschied wirklich einfacher. Bei dem Gedränge in der Stadt freue ich mich auf meine Reise.  

Ich werde mit der Bahn zurück nach Mannheim fahren, während meine Familie den Schnellzug zum Flughafen nimmt. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir uns am späten Abend in Mannheim am Bahnhof wiedersehen. Die Fahrt zum Bahnhof wäre ohne Taxi wohl sehr schwierig geworden. Die gesamte Stadt ist aufgeteilt in verschiedene Sicherheitszonen. Viele Straßen sind gesperrt und Umwege nur mit sicherer Ortskenntnis machbar. Unser temperamentvoller römischer Taxifahrer gibt uns einen kleinen Einblick in die Welt der italienischen Flüche, wenn er wieder vor der nächsten Straßensperre scheitert.

Aber wir kommen pünktlich am Bahnhof Roma Termini an. Der ist zu meiner Freude zu einem riesigen Einkaufszentrum umgebaut worden und lässt sich auch von dem Nationalfeiertag 1. Mai nicht aus dem Konzept bringen. Leider reicht die Zeit nur noch für einen Blick und einen Cappuccino in einem Cafe vor dem Bahnhof. „Ratta, Ratta“- mit dem Nachziehkoffer über den Vorplatz vorbei an dem für Bahnhöfe obligatorischen Publikum. Der Kaffee ist anständig – aber dann  ist es Zeit: „Tschüß, ihr Lieben“ und ich gehe „Ratta, Ratta“ zurück zu meinem Bahnhof. Mein Gleis wird erst kurz vor der Abfahrt angezeigt. Da muss man Flexbilität und Kondition zeigen. Roma Termini ist nun mal kein kleiner Bahnhof. Am besten positioniert man sich in der Mitte vor der großen Anzeigetafel, um in die eine oder andere Richtung rasen zu können.

Da ist er nun der Eurostar, der mich in 3 ½ Stunden nach Mailand bringen wird. Das Abenteuer beginnt ...?
Nun ich wollte komfortabler reisen, als in den Büchsenflugzeugen. Mein Eurostar ist brechend voll und ich muss zugeben in der Tat recht büchsenartig. Ich habe einen Platz mit Tisch, unter meinem Tisch ist eine Kiste mit einem kleinen Tier und mir gegenüber die Mutter und die 11jährige Besitzerin. Ein selbstständiger Verkäufer drängt sich durch die Platzsuchenden und bietet Kaffee aus einer mit Klebeband zusammengehaltenen Pumpthermoskanne mit Klarsichtfolienbutterbroten an. Keiner will was und die Stimme aus dem Off erklärt (auch auf Englisch!), dass alle Nichtreisenden jetzt den Zug verlassen müssen. Aha- es geht los. Und der Verkäufer hat mich daran erinnert, dass ich mir nichts zu essen oder trinken gekauft habe für meine 11 Stunden Fahrt. 1. Erkenntnis: Ich muss mich mit Proviant ausstatten. Hoffentlich kann ich in Mailand in meinem 25-Minuten-Zeitfenster zu einer Snackbar rasen. Die Luft ist wirklich schlecht und der 2jährige aus der Reihe links vor mir fühlt sich auch nicht wohl. Nach der Lautstärke und der Interaktion zwischen Mutter und Sohn scheint das keine ruhige Fahrt zu werden. Das ist schon mal genau wie im Flugzeug.

Die langsame Fahrt durch die Vororte von Rom dauert 13 Minuten. Es gibt noch so viel in Rom zu sehen!
Dann sind in der Ferne Berge vor sattgrünen Feldern zu sehen. Wunderschön in der Sonne – Oh, Tunnel, schade. Tunnel folgt auf Tunnel, Trotzanfall auf Trotzanfall. Die Ausblicke zwischen den Tunneln sind toll, die Ruhe zwischen den Wutanfällen auch.
Nun funktioniert die Klimaanlage und es kehrt Ruhe in die Eurostarreisegesellschaft ein.
Mit seinen 250 Sachen rast der Zug durch Italien und ich muss einräumen, dass von “langsam reisen“ bei diesen Hochgeschwindigkeitszügen keine Rede sein kann. Aber es ist langsamer als ein Flugzeug (positiv denken!) und ich habe 11 Stunden Zeit für mich zu sein.
Was will ich eigentlich hier? Ich suche Kontakt zu Menschen, Landschaften und Atmosphären, Stimmungen und Abenteuer. Im Moment kann ich kein Italienisch und mich nur mit der 11jährigen Tierbesitzerin unterhalten. Die ist aber sehr nett und ihr einfaches Schulenglisch ist nicht schlecht.
Meine Mitreisenden nehme ich im Moment daher hauptsächlich über den Geruch ihres Reiseproviants, Waschmittels, ihres Parfüms oder Schweißes wahr.
Der 2jährige ist eindeutig nicht für Reiseproviant zu haben und beginnt einen neuen Wutausbruch. Er ist inzwischen schon ganz schon müde und dreht daher noch mal richtig auf.

Kurz vor Florenz: Es ist wieder stiller im Zug und die Toskana breitet sich mit ihrer Romantik vor dem Fenster aus. Alles wie im Film. Ob ich doch noch mal in die Toskana fahren soll? Bisher wollte ich das nie, weil ich vermeiden wollte die typisch deutschen, kulturbegeisterten Toskanatouristen zu treffen. Aber vielleicht haben die nicht immer Saison....
12:45 Firenze einsteigen, aussteigen. Neue Gerüche. Allgemeines Recken und Strecken.

Noch 2 Stunden bis Milano.  Wir fahren in einen Tunnel und als wir wieder herauskommen, ist die Toskana hinter uns und Bologna vor uns. Na, das habe ich mir nicht so vorgestellt. Wenn der Zug unter den Alpen durchfährt, wird das nix mit Landschaften entdecken. Die anderen sind jetzt beim Check in. Was sie wohl erleben?
Mein 2jähriger Reisegenosse ist jetzt total hinüber und schreit sich die Seele aus dem Leib. Ich habe meinen Ipod vergessen. 2. Erkenntnis: Ich muss immer meinen Ipod mitnehmen.
Nach Bologna wird die Fahrt öde. Der Zug rast mit über 300 durch die Ebene vorbei an riesigen Monokulturen. Jetzt erst sehe ich, dass es wie im Flugzeug Anzeigetafeln am Ende des Waggons gibt mit allem, was dazu gehört: Wetter, Werbung und Neues aus der Welt des Glamours.
Links neben mir am Tisch sitzen französische Großeltern mit ihrer ca. 8jährigen Enkelin und dem 13jährigen Enkel auf ihrer Reise von Neapel noch Lyon. Aha – noch mehr Langstreckenreisende. Wie schön. Die Zeit auf engem Raum führt wirklich dazu, dass der 13jährige mit Basecap, Pickeln und Unsicherheit seiner kleinen Schwester zeigt wie man schöne Muster mit einem Zirkel malt und wie man mit einem weißen Spezialstift Graffitibuchstaben auf Jeans und Tasche malt. So viel Bewunderung muss ihm so gut tun. Dann gab´s noch die Buchstaben von „Mort“ auf die Finger der rechten Mädchenhand. Aha.

Milano Centrale – Mann, ist der Bahnhof schön. Ich bin hingerissen.
Schnell ein Foto an Freunde, damit die wissen, dass ich es schon mal bis hierher geschafft habe. 5 min hatte ich Verspätung, kaufe mir schnell ein Wasser und dann stehe ich schon „tap, tap“ fußungeduldig vor der Anzeigentafel und warte auf meine Gleisinfo. Ist das echt immer so spontan in Italien? Da kommt die Info – und ich rase los. Der Zug steht da schon und ich hetze „Ratta, Ratta.“ über das Gleis des Kopfbahnhofs zu meinem Waggon. Unter meinen Mithetzern viele Schweitzer. Das war knapp – rein und dann ging es schon los. Neue Gerüche und einen automatischen Sonnenschutz, dessen Bedienung das 1 ½ jährliche Kind der schweizer Familie ganz in den Bann zieht.
Zu Essen habe ich immer noch nichts, aber es gibt ja bestimmt einen Speisewagen.
„Ja – gibt es“, meinte die Studentin aus Zürich. Aber das Essen sei grauenhaft. Sie hätte beim letzten Mal Pasta gegessen und würde es bestimmt nie wieder tun. Damit habe ich den Speisewagen als Ausflugsziel gestrichen.
Um mich herum noch mehr junge Frauen mit wirklich großen Koffern, übermüdet, etwas zerzaust und mit blendender Laune. Interessiert lausche ich den Berichten über die Mailänder Outlets und die Geschäfte der Innenstadt. Ich verbringe eine angenehme Zeit in den ausgeliehenen Prospekten zu stöbern. Mailand kommt damit auf meine Ausflugsliste.



Der Zug fährt langsam über Como und Lugano auf die Alpen zu.

Während die Mädels in den Einkaufswelten schwelgen und einer Schweizerin Ihren Kindern schweizer Sagen vorliest von denen ich nichts verstehe, fährt die Bahn höher und höher. In atemberaubenden Labyrinthen an Steilhängen entlang und über extreme Steigungen schnauft sich der Zug weiter. Die Ausblicke sind gigantisch. Ich sitze auf der Seite des Zuges mit der schlechteren Sicht und stelle mich an die Waggontür, wo ich fast 2 Stunden auf die Landschaft starre. Hinter recht schmutzigen Scheiben erhasche ich einen Blick auf Berge mit Schneespitzen im Sonnenlicht und hohe Wasserfälle die plötzlich von gigantischen Felsen stürzen. Bin so beeindruckt, dass ich natürlich vergessen zu fotografieren. Wer hätte das gedacht, aber diese Schweiz kommt auch noch auf meine Reiseliste.
Schließlich bin ich wolkenhoch und hingerissen von diesem Teil der Zugfahrt. Definitiv besser als Fliegen. Keine Abenteuerqualität, aber 2 neue Reiseziele auf der Liste.

Ich gönne mir eine Cola aus dem Speisewagen und kann der Studentin mit dem vernichtenden Pasta-Urteil nach einem kurzen Blick auf die ausgestellte Beispielpasta hinter Glas (würg!) nur zustimmen. Da ich mittlerweile ziemlich hungrig bin, freue ich mich auf den Speisewagen in Zürich. Irgendwo muss es doch was zu essen geben... *magenknurr*
                                                                                    

Anfahrt Zürich: Wie ich waren einige Reisende schon sprungbereit an der Waggontür. Der ICE nach Mannheim startet 6 Minuten später und der Weg von Gleis 5 zu Gleis 14 war zu bewältigen. Eine weitere Aufgabe für die Kondition.
Einer nach dem anderen schlüpfte aus dem Zug. Im Eifer des schnellen Gefechts habe ich meiner vorauseilenden Mitreisenden beim Aussteigen meinen Koffer in die Hacken gehauen.. Ich habe sie im ICE wiedergetroffen und sie war immer noch sauer auf mich. Auch von dieser Stelle noch mal: Sorri! (So schreibt man das in der Schweiz in Echt!)
Der ICE mit den gewohnten Gerüchen und Gewohnheiten. In die Abendsonne hinein mit  Hühnerfrikasse im Speisewagen. Gruß an die Kindheit.
Schließlich bin ich pünktich in Mannheim angekommen. Nur 2 Stunden später als meine Lieben, die ewig im Flugzeug auf dem Rollfeld in Rom saßen, weil in Frankfurt ein Gewitter war (? – die Wege des Herrn sind unergründlich...). Ich war müde, ein bisschen schmuddelig und sehr zufrieden. Der Tag kam mir nicht vergeudet vor wie mir ein Abreisetag sonst immer vorgekommen ist.Ich habe mich in den Stunden keine Sekunde gelangweilt.


Ich bin motiviert bis in die Fingerspitzen weiterzumachen. Fange an die Newsletter von Fluggesellschaften abzubestellen.  Würde am liebsten schon wieder meine Koffer packen. 
Und freue mich auf Mannheim- Barclona- Palma de Mallorca und zurück im Juni.

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